Lernen kennt keine Grenzen – Seamless Learning

07. September 2018 /
Pixabay, CC0, Collage Pixabay, CC0, Collage

Seamless – die Naht geht auf. Welche Naht? Kurz gesagt jene, die Lernen innerhalb und Lernen außerhalb einer Institution wie der Schule voneinander trennt oder physische und virtuelle Lernräume auseinander hält. Mit der Idee, diese Nähte aufzubrechen und den damit einhergehenden didaktischen Modellen und Überlegungen beschäftigt sich das Seamless Learning (bzw. Mobile Seamless Learning), sinngemäß das „durchgängige Lernen“.

Begünstigt wird dieses Verständnis von Lernen durch die Möglichkeiten des Mobile Learning – also dem Lernen mit mobilen Endgeräten, das erweiterte Lernvoraussetzungen bringt:

  • Überbrückung von auf den ersten Blick voneinander unabhängigen Kontexten
  • Vergrößerung des Methodenkoffers von Lehrenden
  • Vernetzung von Lernenden und Lehrenden

 

Die Ziele

     Ziel von Seamless Learning ist es, die Brüche

  • zwischen analoger und digitaler Realität genauso wie
  • die zwischen Schul- und Berufswelt,
  • zwischen Theorie und Praxis oder
  • geplantem und ungeplantem Lernen zu überwinden.

 

Ein Beispiel

 

  Geplant Ungeplant
Außerhalb der Schule Exkursion ins Schmetterlinghaus Lernende fotografieren Tiere und Pflanzen im Schmetterlinghaus und teilen die Bilder mit Freund/inn/en auf einer populären Foto-App.
In der Schule Die Lehrkraft bespricht die Exkursion mit den Lernenden in der Klasse und stellt dazu Unterrichtsmaterial auf der Lernplattform bereit. Unter den Lernenden ergibt sich spontan eine Diskussion über das Schmetterlingssterben in Europa – sie recherchieren dazu im Internet.

Naht- oder bruchloses Lernen soll es neugierigen Lernenden ermöglichen,

  • dann zu lernen, wenn sie dafür bereit und aufnahmefähig dafür sind und
  • so zu lernen, wie es für sie im Moment gut ist.

 

Die Voraussetzungen für Seamless Learning

Dazu bedarf es neben einer ganzheitlichen Einstellung zum Lernen, didaktischer Rahmenbedingungen, natürlich auch der passenden Medien, Methoden und Geräte – also adäquater inhaltlicher, didaktischer und technischer Grundlagen.

Eine anschauliche Einführung in das Thema bietet der Podcast „SeamlessLearning“ von Heike Karolyi:

SeamlessLearning from Heike Karolyi on Vimeo.

 

Die konkreten Brüche und Nähte (Seamless Learning)

Wong & Loi definierten 2011 in einem Artikel folgende 10 Dimensionen:

  1. Formelles und informelles Lernen:
    Mit dem Begriff „Lernen“ werden meistens Schule, Prüfungen, Noten etc. assoziiert. All das beinhaltet nur einen Aspekt des Wissenserwerbs – eben den des formellen Lernens, das in geplanten und zeitlich festgelegten Lernphasen stattfindet und von einer Lehrperson initiiert wird. Es findet auch fast permanent und meistens unstrukturiert im Alltag statt und zählt so zum informellen Lernen. Ziel des bruchlosen Lernens ist die Verzahnung von Alltagserfahrungen mit formaler Ausbildung.
  2. Sozial integriertes und individuelles Lernen: Gruppen-, Paar- und Einzelarbeiten können abwechselnd und den jeweiligen Bedingungen angepasst eingesetzt werden.
  3. Zeitunabhängigkeit: Gelernt werden kann immer.
  4. Ortsunabhängigkeit: Gelernt werden kann überall.
  5. Allgegenwärtiger Zugang zu Lernressourcen: Das gilt – Internet-Konnektivität und Medium vorausgesetzt – in hohem Maße für Online-Lernressourcen.
  6. Verschmelzen von physischer und digitaler Welt: Mit dem kompletten Eintauchen in eine virtuelle Umgebung („Virtual Reality“) oder dem Arbeiten mit und in einer erweiterten oder überlagerten Realität („Augmented Reality“) werden neue Lernerlebnisse möglich.
  7. Unterschiedliche Endgerätetypen: Gelernt werden kann v. a. auf mobilen und personalisierten Endgeräten mit eigener Stromversorgung – dabei sollen die Möglichkeiten der Technolgie genutzt werden, anstatt sie in den Mittelpunkt der Wissensvermittlung zu stellen.
  8. Umschalten zwischen verschiedenen Lernaktivitäten: Lernende können zwischen unterschiedlichen didaktischen Methoden sowie zwischen klassischen „Gegenständen“ oder Wissensgebieten switchen.
  9. Nahtloses Anknüpfen an Vorwissen: Das kann automatisiert etwa durch die Interpretation der von Studierenden produzierten Daten („Learning Analytics“) passieren oder mittels individualisierender Zugänge des Wissenserwerbs.
  10. Flexible Aufbereitung von Lerninhalten: Die Didaktik stellt auch beim Seamless Learning den zentralen Erfolgsfaktor dar. Lerninhalte können so aufbereitet werden, dass sie den selbstorganisierten Kompetenzerwerb der Lernenden fördern und unterstützen.

Wie beurteilen die Lernenden die Praxis dieser 10 Punkte?

Die Umfrageergebnisse der Hochschule Fresenius unter Studierenden im ersten Studiensemester bietet dazu interessante Einblicke:

seamless learninmg

Kritik am Modell

Ein bisschen kann das alles freilich auch Angst machen – wer möchte schon immer und überall durchgehend lernen (müssen)? Grenzen bedeuten auch Schutz, Entgrenzung die Vermischung von Schule, Arbeit und Freizeit.

Warum also nicht die Grenzen zwischen formellem und informellem Lernen, zwischen privat und öffentlich noch weiter ausbauen? Weil Grenzen auch eingrenzen. Die Möglichkeiten des Seamless Learning sollen Erweiterungen unserer Lernhorizonte bringen und das Lehren und Lernen nicht einschränken. Dafür müssen allerdings Regeln für ein Lernen ausgehandelt werden, die allen Beteiligten gut tun und Schutz garantieren.

Die Vision

Noch passt Seamless Learning in seiner ganzen Ausprägung nicht ganz in unsere Lebensrealität. Dennoch steckt ein sehr visionärer Ansatz dahinter, der die Motivation am Lernen als das begreift, was sie sein soll: Lust am Leben, nicht Angst vor schlechten Noten.

 

Dieser Beitrag wurde gemeinsam von unserem Kids-Blog-Autor Stefan Schmid mit seiner Kollegin Susanne Hosek, BEd erstellt.

Bildnachweis: Video – Link, Foto Credit via Pixabay: geralt

Verfasst von
Stefan Schmid ist ausgebildete Lehrkraft im Fachbereich Information und Kommunikation und Mitbegründer der Initiative Flipped Classroom Austria. Als Hochschullehrkraft und Vortragender beschäftigt er sich mit eDidaktik, eLearning sowie Financial literacy an unterschiedlichen Hochschulen sowie für Banken, NPOs, Kammern sowie in der Lehrkräftefortbildung.

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