Flipped Classroom: Online-Tools statt Frontalunterricht

31. Juli 2015 /

Flipped ClassroomFrontalunterricht langweilt nicht nur die Schüler sondern meist auch die Lehrenden. Beim Flipped-Classroom-Konzept – dem “umgedrehten Klassenzimmer” – wird die bisherige Unterrichtsstruktur auf den Kopf gestellt. Dabei eignen sich die Schüler ein neues Thema anhand von Online-Tools, z.B. Lernvideos zu Hause an und vertiefen es anschließend im Unterricht.

Das Flipped-Classroom-Konzept lässt sich in den bestehenden Unterricht integrieren, indem Hausaufgaben und Unterricht getauscht werden. Die Lehrenden nehmen dabei die Rolle als Coaches und Begleiter wahr. Das nützt besonders Schülern mit individueller Ausgangssituationen, z.B. Sprachbarrieren, da sie sich den Lernstoff in ihrem eigenen Tempo aneignen und im Präsenzunterricht individuell unterstützt werden können.

Das Konzept wurde 2007 vom amerikanischen Lehrer Aaron Sams entwickelt. Seither hat das “Flipped Classroom” bzw. im Hochschulbereich der “Inverted Classroom” eine große Verbreitung, auch im deutschsprachigem Raum, gefunden. In Österreich wird das Konzept z.B. vom Englisch-Lehrer Walter Steinkogler oder der Fachhochschule St. Pölten eingesetzt. Das Siegerprojekt des mLearning-Wettbewerbs von Samsung ist heuer eine App von Stefan Schmid mit der Lehrer ihre Lern-Videos für den Flipped-Classroom-Unterricht aufnehmen und direkt an die Schüler weiterschicken können.

Gestaltung des Flipped-Classroom-Unterrichts

Konzeption des Flipped-Classrooms

Der Erfinder des Flipped-Classrooms, Aaron, Sams, hat für die Konzeption dieser Unterrichtsform folgende Fragen beschrieben:

  • „Wozu benötigen die Lernenden die Unterstützung durch den Lehrenden und die Lerngruppe am meisten?
  • Welche Inhalte eignen sich am besten zur Auslagerung aus der Präsenzlehre und zur selbstgesteuerten, individuellen Aneignung?
  • Wie können diese Inhalte didaktisch sinnvoll technologieunterstützt aufbereitet werden?“

Selbstlernphase

In der Selbstlernphase sollen sich die Schüler anhand der zur Verfügung gestellten digitalen Lernmaterialien die Inhalte selbst erarbeiten. Das stellt hohe Anforderungen an die Lernenden. Gerade Videos geben den Schülern oft den Eindruck, dass sie die Inhalte nach dem Ansehen bereits erfasst haben, ohne sich mit dem Stoff vertiefend befasst zu haben. Zur Unterstützung könne verschiedene Methoden genutzt werden:

  • Strukturierung: Durch eine übersichtliche, inhaltliche Struktur und einen klaren zeitlichen Ablauf wird der Lernprozess unterstützt.
  • Hilfestellung für die Erarbeitung der Inhalte: Wie Leitfragen, Metavideos die einen Überblick geben sowie Vorlagen und Methoden zur Inhaltserarbeitung wie die Cornell Methode
  • Tests und Selbstkontrolle: Überprüfungsfragen und Tests erleichtern die Überprüfung ob Inhalte auch verstanden wurden.

Präsenzphase
Um das Potenzial von Flipped-Classroom zu nutzen muss auch die Präsenzphase anders als üblich gestaltet werden.  Dabei können z.B.

  • Probleme angesprochen werden. Welche Schwierigkeiten sind beim Lernen mit den Online-Materialien aufgetreten?
  • Gemeinsam Aufgaben bearbeitet werden.  Dabei kann beispielsweise das die Gruppe in eine Pro- und Kontra-Gruppe geteilt werden, die miteinander diskutieren. Oder die Ich-Du-Wir-Methode eingesetzt werden. ICH bedeutet individuelles Arbeiten (jeder Schüler bearbeitet Bearbeitung des Thema einzeln), DU bedeutet Lernen mit dem Partner (die Schüler tauschen sich zu zweit aus) und WIR bedeutet Kommunikation im Klassenverband (die Schüler präsentieren und diskutieren im Plenum). Die Zahl weiteren Unterrichtsmethoden für (Groß)gruppen ist Vielfältig.
  • Ein aktives Plenum gestaltet werden. Dabei moderieren zwei Schüler die Lösung einer Aufgabe durch die gesamte Gruppe, der Lehrende bleibt im Hintergrund.

Stolpersteine beim Flipped-Classroom

  • Wenn Schüler sich nicht vorbereiten, sind die Präsenztermine für sie wenig hilfreich. Oft ist diese Form des Unterrichts für die Teilnehmer auch gewöhnungsbedürftig.
  • Wenn nicht alle Schüler dieselbe technische Ausstattung haben, können Benachteiligungen entstehen.
  • Eine zu starke Konzentration auf die Produktion von Videos ist nicht immer hilfreich.
  • Wenn keine frei verfügbaren Materialien sondern nur selbst erstellte genutzt werden, kann der Aufwand für diese Unterrichtsform sehr hoch werden.
  • Wichtig für die Akzeptanz durch die Schüler ist, dass es sich nicht um optionale Angebote handelt. Für die Lehrenden ist es wichtig, dass der Zusatzaufwand für die Entwicklung der Online-Materialen angerechnet werden kann.

Nachteile von Flipped-Classroom

  • Der Aufwand für die Erstellung der Online-Materialien ist hoch.
  • Bei digitalen Unterlagen, beispielsweise Videoaufzeichnungen, besteht keine Möglichkeit zum direkten Nachfragen.

Vorteile von Flipped-Classroom

  • Die Schüler können ihr Lerntempo selbst bestimmen und bei Bedarf Aufzeichnungen anhalten oder wiederholen.
  • Die Lehrenden können den Präsenzunterricht lernzentrierter gestalten und individueller auf die Schüler eingehen.
  • Digitale Lernmaterialien die einmal erstellt wurden können immer wieder verwendet werden.
  • Durch die eigenständige Aneignung der Inhalte in Kombination mit der (kollaborativen) Lösung von Aufgabenstellungen im Unterricht entsteht vertieftes Wissen.

Wenn diese Unterrichtsmethode erfolgreich genutzt wird heißt es nicht mehr „Wenn alles schläft und einer spricht, den Zustand nennt man Unterricht“.

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