Facebook: Unbeliebte Freundschaft mit Mama und Papa

22. April 2016 /

Facebook scheint ähnlich zu ergehen wie den traditionellen Institutionen Kirche und Politik: Die jüngste Generation bleibt aus. Was noch vor wenigen Jahren für jeden Jugendlichen ab 13 dazugehörte wie der Markenturnschuh, gilt heute immer weniger als cool: die eigene Facebook-Präsenz.

Seit mehr als zwei Jahren sagen diverse Studien – vor allem aus dem englischen Sprachraum – der Plattform Facebook eifrig den Tod voraus. Tatsächlich sinkt die Zahl der jugendlichen User – dafür wächst die Plattform aber nach wie vor bei älteren Nutzergruppen. Letzteres dürfte genau der Grund dafür sein, warum der Social Media Klassiker bei den Jüngsten immer unbeliebter wird.

Von Mama und Papa ertappt

Hendrik Unger, Chef der Kölner Onlinemarketing Agentur netspirits, erklärt, dass immer mehr Ältere verstehen und nachvollziehen wollen, warum so viele junge Menschen auf Facebook unterwegs sind und sich daher ebenfalls auf dieser Plattform registrieren. Durch die Anmeldung von Eltern, Großeltern und Verwandten auf Facebook komme es zu einem „Moment des ‚Ertappt seins‘“ bei der jüngeren Generation. „Für die Jüngeren ist es peinlich, wenn nun zum Beispiel ein freizügiges Profilbild von den Eltern gesehen wird. Das macht dann nicht mehr Spaß, erklät Unger. Die Plattform verliert dadurch mehr und mehr die Funktion des jugendlichen Rückzugsraumes. Facebook ist längst kein „abgeschottetes Refugium“ von der Erwachsenenwelt mehr.

Leerer Teller

Vergänglich: Auf Snapchat zählt nur der Moment.

Es geht um den Moment

Hinzu kommt ein stärkeres Bewusstsein für das digitale Langzeitgedächtnis der Social Media Plattform. „Facebook vergisst nie“, erklärt mein 19-jähriger Mitbewohner Reza im Gespräch. Für die Kommunikation mit Freunden nutze er deshalb nur noch Snapchat. „Dort wird nix gespeichert“, erklärt der Jugendliche. „Zumindest nicht für andere User sichtbar“, schränkt der junge Mann gleich kritisch ein. Trotzdem sei Snapchat interessanter, weil man dabei nicht von Werbung und langweiligen bezahlten Beiträgen von Firmen oder Organisationen gestört werde. „Ich will ja sehen, was meine Freunde gerade machen und nicht mit Wahlwerbung für den nächsten Bundespräsidenten zugeschüttet werden“, erklärt Reza, während er gerade ein Bild seines leer gegessenen Tellers ins Netz schickt. Es gehe ja ohnehin nur um den Moment. Und schließlich suche er ja gerade einen Ferienjob: „Da hilft’s mir nix, wenn der zukünftige Chef meine Bilder vom letzten Samstag auf Facebook sieht.“

Screenshot: Spotify-Login mit Facebook-UserdatenUncool aber doch genutzt

Die aktuellsten Studien jedoch zeigen wiederum eine Stabilisierung für Facebook bei den jüngsten Usern. Das amerikanische Marktforschungshaus Forrester veröffentlichte dazu kürzlich eine neue Studie, die eine gute Erklärung für jene Diskrepanz liefert. Demnach finden zwar nur 65 Prozent der befragten US-Teenager Facebook „cool“, 78% sind aber ständig eingeloggt. Barbara Buchegger von der Initiative Saferinternet.at führt dies darauf zurück, dass bei immer mehr beliebten Plattformen wie Spotify und vor allem bei Spielen mittlerweile das Login (nur noch) über den Facebook-Account möglich ist. Die jugendlichen Musik- und Gaming-Freunde kommen also nicht um ein Profil auf Facebook herum.

Facebook verfolgt somit wohl eine ähnliche Strategie wie einst Microsoft. So wie Bill Gates lange dafür sorgte, dass beinahe jeder neu verkaufte PC der Welt mit seinem Betriebssystem ausgeliefert wurde, bindet Zuckerberg seine User über die nötigen Facebook-Login-Daten. Schlau.

Kein Entrinnen aus dem Facebook-Universum

Facebook selbst kann die Abwanderung von Jugendlichen ohnehin locker sehen, meint auch Philipp Hoffrichter vom Munich Digial Institute. Da Instagram und WhatsApp in den vergangenen Jahren von Facebook aufgekauft wurden und die meisten Nutzer abfangen, finden sich die Jugendlichen ja zum Großteil auf einer anderen Plattform des Social Media Konzerns wieder. Scheint also, es gibt es auch für die jüngste Generation ohnehin kein Entrinnen aus dem Facebook-Universum.

Verfasst von
Walter Fikisz ist Social Media Manager an der Pädagogische Hochschule Niederösterreich. Sein wissenschaftliches Interesse gilt der Verbindung von Kommunikation und Pädagogik. Er „lebt“ Social Media und möchte deren Gesetzmäßigkeiten und Auswirkungen auf die „Generation Z“ noch genauer erforschen.

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