Deutsch. Die Leiden des jungen Werther als SMS, FB, WhatsApp

10. März 2017 /

Deutsch als Unterrichtsfach – wer kennt nicht die mühsamen Literaturstunden? Angeblich liest die heutige Generation nur mehr Facebook, Whats App, SMS oder beschäftigt sich mit Snapchat u.a. Sie haben aber richtig gelesen: „Die Leiden des jungen Werther“ von Johann Wolfgang Goethe – ist das noch zumutbar?

Beim Durchstöbern des Google Play und  App Stores habe ich nach Deutsch-Apps Ausschau gehalten. Viele Apps dienen der Verbesserung der Rechtschreibung, der richtigen Fallsetzung, einfach gesagt der Übung, Übung, Übung. Auf der Suche nach einem Literaturtool bin ich auf ein Buch „Digitaler Deutschunterricht. Neue Medien produktiv einsetzen.“ gestoßen. Das startet schon damit, dass einem Deutschpädagogen die Idee kam, „Goethes Faust I“ mit Snapchat als Werkzeug mit seiner Klasse produzieren zu lassen. Ein Aufschrei in der Community. Ein Mehrwert? Nein, wenn es nur um die Anwendung von Snapchat geht. Ja, wenn klar gesagt werden kann, was Schüler/innen dabei gelernt haben.

Deutschunterricht – Literatur kann auch ganz anders angeboten werden.

In dem genannten Buch gibt noch eine Reihe spannender Projekt- und Unterrichtsideen. Ein Auszug als Anregung:

Deutsch? Haben sie schon einmal Wikipedia-Einträge verbessert?

Wir nehmen alles in Wikipedia als „richtig“ an. Ein Vergleich mit anderen Lexikoneinträgen eröffnet neue Kompetenzen im Suchen, im Bewerten, im Thematisieren von Suchalgorithmen u.a.
Machen Sie einen Blick auf die digithek – die Recherchierseite für Mittel- und Berufsschulen der Schweiz.

digithek.

digithek

digithek

Sie finden für jeden Unterrichtsgegenstand Unterrichtsmaterial, entdecken Nachschlagwerke, Bibliothekskataloge, alles zu Presse Radio, TV und Film, aber auch neue Suchmaschinen.
Deutsch?

Deutsch. Haben Sie schon „Die Leiden des jungen Werthers gelesen“?

Ja? Haben Sie aber diesen doch sehr eigenwilligen Text schon einmal in unsere SMS-Sprache, in einen Fortsetzungsblog, in eine Whats App-Diskussion umgeschrieben? Lesen Sie in dem Buch „Digitaler Deutschunterricht. Neue Medien produktiv einsetzen.“ einfach nach, wie man das macht. Der Autor schlägt vor, Werther als Facebook-Roman zu verfassen. Dazu eignen sich zwei Tools:

classtools.net/FAKEBOOK

fakebook

Fakebook

Fakebook ermöglicht es Lehrer/innen und Schüler/innen, imaginäre Profilseiten für Studienzwecke zu erstellen. Verwenden Sie „Fakebook“, um die Handlung eines Buches, die Entwicklung eines Charakters, eine Reihe von historischen Ereignissen, die Debatten und Beziehungen zwischen den Menschen u.a darzustellen.

thewallmachine.com

thewallmachine

thewallmachine

Thewallmashine simuliert einen Facebook-Eintrag, ist leicht durch das WYSIWYG-Tool bearbeitbar (What you see is what you get) und ein Tutorial hilft zum ersten Eintrag.

Das ist der Clou, beide Tools ahmen grafisch die Facebook-Seiten nach, ohne dass man in Facebook eingeloggt sein muss.

Wo liegt nun der Gewinn für den Deutschunterricht, für das Verstehen von Literaturtexten?

Das Anwenden des Tools ist es nicht. Vielmehr muss der Text gelesen, die vorkommenden Personen analysiert werden. Der Nachbau der Romanfiguren, ihre Sprache (Dialoge), ihre Perspektiven ist die eine Seite. Das Medium Facebook, seine Logik der Abfolge der Beiträge (Storyline), die Codes und das Aussehen ist die weitere Seite. Der Deutschunterricht nimmt die Erfahrungen, die Sprache der Jugendlichen auf, nutzt ihre Tools und leitet zu einem kontextgebundenen Verständnis und einer reflektierten Produktion von Texten an. Und das ist neu, das ist anders, das ist digitale Kompetenz.

Deutsch. Neue Medien

Deutsch. Neue Medien

In allen Beispielen, die in dem Buch angeführt werden zeigt sich, dass Digitalisierung nicht das Umsetzen eines Textes in eine PDF ist, dass vielmehr die Tools dazu verwendet werden, etwas zu gestalten, das bisher nicht möglich war. So werden Schüler/innen dazu motiviert, die gesteckten Ziele mit einer breiten Palette an Methoden durch ein soziales Miteinander zu erreichen. Folgt man den Gedanken des Autors, dann sieht er das „Primat des Stoffes“ gegenüber dem digitalen Lernen schwinden. Digitale Medien sind „der Zugang zum Wissen, zu beruflicher Kompetenz, zur Selbstreflexion“ (Wampfer 2017, S. 30) – ein anderes didaktisches Setting für den Deutschunterricht. Soll es gelingen, so hängt es nach Beat Döbeli Honegger von den 3 Ws ab: Wille, Wissen und Werkzeuge.

Das NEUE Lernen ist mehr als das ALTE arbeiten mit Internetanschluss.

Lit: Wampfler, Ph. (2017). Digitaler Deutschunterricht. Neue Medien produktiv einsetzen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. ISBN-13: 978-3525701973.

Verfasst von
Paul Kral ist Projektleiter von Connected Kids und ist maßgeblich am Erfolg der T-Mobile-Initiative beteiligt.

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